Disentis/Mustér und seine Geschichte

Disentis – das Klosterdorf! Ein ganz spezielles Kloster, das immer Überraschungen bereit hat. So wird wohl unsere Geschichte seit den letzten Ausgrabungen korrigiert werden müssen. Lassen wir die Archeologen arbeiten und beruhen wir uns auf das derzeit Bekannte.


Woher kommt der Name Disentis?

Die Herkunft des Namens Disentis ist nicht abschliessend geklärt. Meist wird er vom lateinischen desertumbeziehungsweise von der frühen Form Desertina abgeleitet. Daneben existiert eine zweite Deutung, welche den Namen mit einer Verzweigung von Verkehrswegen in Verbindung bringt. Ein Blick auf die historischen Schreibweisen zeigt, weshalb die Frage interessanter ist, als es zunächst scheint.

Eine der ältesten überlieferten Formen findet sich im sogenannten Tello-Testament, das auf das Jahr 765 datiert wird. Darin erscheint die Bezeichnung Desertina. Sie wird gewöhnlich mit dem lateinischen desertum – Einöde, einsamer oder abgelegener Ort – in Verbindung gebracht. Diese Erklärung passt zur klösterlichen Überlieferung, nach welcher der heilige Sigisbert in einer abgelegenen Gegend eine Einsiedelei gründete, aus der sich später das Kloster Disentis entwickelte.

Allerdings ist bei diesen frühen Quellen Vorsicht angebracht. Das Tello-Testament ist nicht im Original von 765 erhalten, sondern in einer wesentlich späteren Abschrift überliefert. Auch weitere frühe Namensformen wie Desertinenseoder Disertinum stammen aus kirchlicher beziehungsweise klösterlicher Überlieferung oder sind nur durch spätere Kopien bekannt. Deshalb lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob Desertina tatsächlich der von der einheimischen Bevölkerung verwendete Name war oder eine lateinische, möglicherweise vom klösterlichen Umfeld geprägte Bezeichnung.

Besonders interessant ist deshalb eine kaiserliche Urkunde von 1020. Kaiser Heinrich II. übertrug damals die Abtei Disentis an den Bischof von Brixen. In dieser ausserhalb von Disentis entstandenen Quelle wird die Abtei als abbatiam Tisentinensem bezeichnet. Auch 1057 erscheint wieder die Form Tisentinensem. Später folgen Tisintins (1209), Tisentis(1319), Dissentis (1333) und schliesslich Disentis (1396).

Damit lassen sich im Mittelalter zwei auffällige Formenreihen beobachten:

Desertina – Desertinense – Disertinum

und

Tisentinensem – Tisintins – Tisentis – Dissentis – Disentis.

Die traditionelle sprachwissenschaftliche Erklärung geht davon aus, dass sich die zweite Reihe durch sprachliche Veränderungen aus Desertina entwickelt hat. Denkbar ist jedoch auch, dass Desertina eine gelehrte lateinische Form oder Interpretation eines bereits vorhandenen lokalen Namens war. Die erhaltenen Quellen reichen derzeit nicht aus, um diese Möglichkeit sicher zu beweisen oder auszuschliessen.

Eine weitere, auch in Disentis bekannte Erklärung verbindet den Namen mit lateinisch dissentire und deutet ihn als Hinweis auf eine Verzweigung. Geografisch erscheint dieser Gedanke reizvoll: In Disentis teilen sich seit alters wichtige Verkehrswege – einer führt durch das Tujetsch über den Oberalppass, der andere durch das Val Medel über den Lukmanierpass.

Sprachlich ist diese Erklärung allerdings problematisch. Lateinisch dissentire bedeutet eigentlich „verschieden empfinden“, „nicht übereinstimmen“ oder „uneinig sein“, nicht unmittelbar „zwei Wege“. Auch eine gelegentlich naheliegende Verbindung zu italienisch due sentieri – „zwei Wege/Pfade“ – lässt sich sprachgeschichtlich nicht begründen.

Somit bleibt Desertina – die abgelegene Gegend oder Einöde – die sprachwissenschaftlich am besten etablierte Erklärung. Die historischen Formen Tisentinensem, Dissentis und Disentis sowie die besondere Lage am Zugang zu zwei bedeutenden Alpenpässen zeigen jedoch, dass die Geschichte des Namens noch Fragen offenlässt.

Eine schöne Besonderheit besitzt der Ort ohnehin: Seine beiden heutigen Namen erzählen gewissermassen zwei Geschichten. Während Disentis traditionell mit der abgelegenen Desertina verbunden wird, geht das romanische Mustérauf lateinisch monasteriumKloster – zurück. Aus der vermeintlichen Einöde wurde der Ort des Klosters: Disentis/Mustér.


Geschichte von Disentis/Mustér

Die Geschichte von Disentis/Mustér ist eng mit der Geschichte des Klosters verbunden. Die Anfänge der klösterlichen Gemeinschaft reichen ins frühe Mittelalter zurück. Nach der klösterlichen Überlieferung liess sich der fränkische Wandermönch Sigisbert zu Beginn des 7. Jahrhunderts in der Gegend nieder. Traditionell wird das Jahr 614 mit der Gründung verbunden; historisch lässt sich dieses genaue Datum jedoch nicht belegen. Archäologische und schriftliche Zeugnisse weisen auf eine gefestigte klösterliche Gemeinschaft spätestens im 8. Jahrhundert hin.

Der rätoromanische Ortsname Mustér geht auf das lateinische monasterium, Kloster, zurück. Aus der Herrschaft des Klosters, dem «Haus Gottes» – lateinisch Casa Dei – entwickelte sich die Bezeichnung Cadi für das Gebiet zwischen Tavanasa und dem Oberalppass. Die Cadi bildete während Jahrhunderten eine bedeutende politische und rechtliche Einheit. Mit der Bündner Gebietsreform verschwanden die Kreise 2016 als politische Körperschaften; Cadi wird jedoch weiterhin als historische und regionale Bezeichnung verwendet.

Auch das Gemeindewappen erinnert an die enge Verbindung mit dem Kloster. Das Kloster führt ein Andreaskreuz auf rotem Grund, während die Gemeinde dasselbe Motiv auf blauem Grund verwendet. Das Kreuz ist bereits in spätmittelalterlicher Zeit nachweisbar. Die Geschichte des Klosters und jene der Gemeinde lassen sich deshalb über weite Strecken kaum voneinander trennen.


Von Rätien zum fränkischen Churrätien

Das Gebiet des heutigen Graubündens gehörte in der Antike zum rätischen Alpenraum, in dem verschiedene kulturelle Einflüsse zusammentrafen. Nach der römischen Eroberung der Alpen im Jahre 15 v. Chr. wurde das Gebiet Teil des Römischen Reiches. In der Spätantike gehörte Churrätien zur Provinz Raetia prima. Chur lag an wichtigen Verkehrswegen über die Alpen und entwickelte sich zum kirchlichen und politischen Zentrum der Region.

Das Christentum fasste früh Fuss. Mit Asinio ist im Jahre 451 erstmals ein Bischof von Chur schriftlich bezeugt. Von Chur aus breitete sich die Christianisierung auch in die Alpentäler aus und erreichte im Verlauf des 6. und 7. Jahrhunderts zunehmend das Bündner Oberland.

Nach dem Ende der römischen Herrschaft konnte Churrätien zunächst eine vergleichsweise eigenständige Ordnung bewahren, wurde aber schrittweise in das Frankenreich eingebunden. Im 7. und 8. Jahrhundert übte das Geschlecht der Victoriden sowohl weltliche als auch kirchliche Macht aus. Einer seiner letzten bedeutenden Vertreter war Bischof Tello, der 765 starb. Sein Testament ist für die frühe Geschichte des Klosters Disentis und für die Besitzverhältnisse in der Region eine zentrale Quelle. Unter Karl dem Grossen wurde die besondere churrätische Herrschaftsordnung schliesslich grundlegend umgestaltet.


Sigisbert und Placidus

Nach der klösterlichen Überlieferung liess sich der Wandermönch Sigisbert in der Gegend von Disentis nieder. Unterstützung erhielt er vom einheimischen Placidus, der vermutlich einer angesehenen Familie angehörte. Der churrätische Machthaber Victor soll in der Tätigkeit der beiden eine Gefahr für seine Stellung gesehen und Placidus töten lassen haben.

Wie weit diese Ereignisse historisch genau rekonstruiert werden können, ist ungewiss. Sie gehören wesentlich zur religiösen Überlieferung des Klosters. Placidus wurde als Märtyrer, Sigisbert als Bekenner verehrt. Bis heute sind beide die Patrone des Klosters. Ihr gemeinsamer Gedenktag ist der 11. Juli und wird von Kloster und Bevölkerung feierlich begangen.


Entwicklung des Klosters

Spätestens im 8. Jahrhundert bestand in Disentis eine klösterliche Gemeinschaft. In der Folge entwickelte sich daraus eine Benediktinerabtei. Das Kloster spielte eine wichtige Rolle bei der Erschliessung, Besiedlung und wirtschaftlichen Entwicklung der umliegenden Talschaften, insbesondere des Tujetsch und des Val Medel.

Um 940 wurde die Entwicklung durch einen Sarazeneneinfall schwer getroffen. Nach der Überlieferung wurde das Kloster verwüstet. Es erholte sich jedoch und wurde wieder aufgebaut.

Seine Lage an der Verbindung über den Lukmanierpass verschaffte Disentis grosse strategische Bedeutung. Der Lukmanier war während Jahrhunderten einer der wichtigen Übergänge zwischen dem deutschen Reichsgebiet und Italien. Kaiser und Könige benutzten den Pass auf ihren Reisen nach Süden. Otto I. zog über den Lukmanier, ebenso Friedrich I. Barbarossa. Das Kloster erhielt Schenkungen und Besitzungen, die teilweise weit über die heutige Region hinaus bis nach Oberitalien reichten.

Das Herrschaftsgebiet der Abtei erstreckte sich zeitweise von der Gegend um Brigels bis über den Oberalppass ins Urserental. 1649 verkaufte das Kloster seine letzten Herrschaftsrechte in Urseren. Danach konzentrierte sich sein weltlicher Einfluss im Wesentlichen auf die Cadi.

Die Bevölkerung gewann jedoch schon im Mittelalter zunehmend politische Selbstständigkeit. Die Cadi entwickelte eigene politische und gerichtliche Strukturen und wurde zu einer der bedeutenden Gerichtsgemeinden des Grauen Bundes. Damit lag die politische Macht nicht einfach während Jahrhunderten allein beim Abt, sondern wurde zunehmend zwischen Kloster und Talschaft ausgehandelt.


Kirchen, Kapellen und Verkehrswege

Der Einfluss des Klosters zeigt sich bis heute in der aussergewöhnlich hohen Zahl von Kirchen und Kapellen. Die Pfarrkirche S. Gions wird 1261 erstmals urkundlich erwähnt. Die Kirche S. Gada am alten Weg zum Lukmanier stammt in ihren Ursprüngen bereits aus der Zeit um 1100.

Die Verkehrswege prägten die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Von besonderer Bedeutung war der Lukmanierpass. Vieh wurde über die Alpen nach Süden getrieben; in der Gegenrichtung gelangten unter anderem Wein, Salz und weitere Waren in die Cadi. Die Verbindung mit dem Tessin und Oberitalien beeinflusste damit über Jahrhunderte Handel, Kultur und Alltag.

Auch heute besitzt der Lukmanier eine wichtige Funktion. Seine weitgehende Offenhaltung im Winter hat die Verbindung zum Tessin gestärkt. Gäste aus dem Tessin und Norditalien besuchen Disentis, während die Bevölkerung der Surselva den Pass für Fahrten in den Süden nutzt.


Aufbruch ins moderne Zeitalter

Im 19. Jahrhundert veränderten sich die politischen und wirtschaftlichen Strukturen grundlegend. Die alten Herrschaftsverhältnisse verschwanden, und Disentis/Mustér entwickelte sich zur modernen politischen Gemeinde.

Gleichzeitig verbesserte der Kanton die Verkehrsverbindungen im Bündner Oberland. 1857 wurde die Russeinerbrücke eröffnet und damit die Strassenverbindung Richtung Disentis wesentlich verbessert. 1880 war die moderne Fahrstrasse über den Lukmanier vollendet.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Disentis zudem zum Kurort. Die St.-Plazi-Quelle war bereits im 18. Jahrhundert bekannt. Mit der Eröffnung des Disentiserhofs 1871 kamen Gäste wegen des Mineralwassers und der damals geschätzten Heilwirkung nach Disentis.

Eine grosse kulturelle Bedeutung hatte die Gründung der Stampa Romontscha. 1857 erschien die erste Nova Gasetta Romonscha. In Disentis wurden in der Folge zahlreiche romanische Bücher und Zeitungen gedruckt. Die Druckerei und später der Verlag Desertina leisteten einen wichtigen Beitrag zur Pflege und Verbreitung der rätoromanischen Schriftsprache.


Bahn, Gewerbe und Tourismus

Einen weiteren Entwicklungsschub brachte die Eisenbahn. 1912 eröffnete die Rhätische Bahn die Strecke Ilanz–Disentis. Mit der Furka-Oberalp-Bahn entstand 1926 die Verbindung über den Oberalppass nach Andermatt und weiter Richtung Wallis. Disentis wurde damit zu einem wichtigen Bahnknoten zwischen Graubünden, der Zentralschweiz und dem Wallis.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen neue industrielle Arbeitsplätze hinzu. Landis & Gyr nahm 1965 die Produktion in Disentis auf. Aus diesem Umfeld entwickelte sich die heutige Distec AG, die Präzisionsteile unter anderem für Medizintechnik, Luftfahrt und Industrie herstellt. Später kamen weitere Unternehmen aus Informatik, Technik und Sport hinzu.

Eine entscheidende Veränderung brachte der Wintertourismus. 1971 wurde die Luftseilbahn von Disentis nach Caischavedra eröffnet und das Skigebiet weiter ausgebaut. Neue Hotels und Ferienwohnungen entstanden. Diese Entwicklung brachte Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung, veränderte aber gleichzeitig das traditionelle Dorfbild.


Die Weiler von Disentis

Disentis/Mustér besteht nicht nur aus dem Dorfzentrum Vitg, sondern aus zahlreichen Weilern und Fraktionen. Viele besitzen eine eigene, teilweise weit zurückreichende Geschichte. Sie entstanden nicht alle zur gleichen Zeit.

Mumpé Medel wurde im Mittelalter von Walsern besiedelt, die später vollständig romanisiert wurden. Andere Siedlungen entwickelten sich entlang der alten Verkehrswege oder in der Nähe landwirtschaftlich nutzbarer Flächen.

Besonders weit zurück reichen menschliche Spuren in Disla, wo archäologische Funde aus der Bronzezeit entdeckt wurden.

Auch von Cuoz sind lokale Überlieferungen erhalten. Der kleine Weiler soll einst zu einem grösseren Gut gehört haben. Die Jakobskapelle erinnert an die religiöse und verkehrsgeschichtliche Bedeutung des Ortes. Auch in Peisel bestand einst ein Herrenhaus; Angehörige dieses Geschlechts erscheinen bereits in mittelalterlichen Quellen.

Nicht alle Siedlungen überlebten. Cunel oberhalb von Mumpé Tujetsch wurde aufgegeben; einzelne Gebäude wurden abgetragen und andernorts wieder aufgebaut.

Besonders dramatisch war das Schicksal von Brulf und Valentin. Am 29. Juni 1683 wurden die Siedlungen durch die Bova Gronda, einen gewaltigen Bergsturz, verschüttet. 22 Menschen kamen ums Leben. Zahlreiche Bewohner entgingen der Katastrophe, weil sie sich zum Zeitpunkt des Ereignisses zur Messe in der Pfarrkirche S. Gions befanden.


Pest und Naturgefahren

Auch Seuchen hinterliessen ihre Spuren. Besonders schwer traf die Pest die Region 1637/38. Die Kirche in Segnas ist den Pestheiligen Rochus und Sebastian geweiht. Eine Altarinschrift erinnert daran, dass während dieser Epidemie zahlreiche Menschen starben.

Lawinen, Hochwasser, Rutschungen und Bergstürze gehörten seit jeher zu den Naturgefahren des alpinen Lebensraums. Auffällig ist, dass die alten Siedlungskerne häufig an vergleichsweise geschützten Standorten angelegt wurden. Erst mit der Ausdehnung der Baugebiete im 20. Jahrhundert wurden umfangreiche Lawinen- und andere Schutzbauten notwendig.


Disentis/Mustér heute

Heute zählt Disentis/Mustér etwas mehr als 2’200 Einwohner. Amtssprache ist Romontsch Sursilvan, das im öffentlichen und kulturellen Leben weiterhin eine zentrale Stellung besitzt. Das Kloster mit seiner Schule, die Kirchen und Kapellen, die romanische Sprache sowie die jahrhundertealten Verbindungen über Oberalp und Lukmanier prägen den Ort bis heute.

Gleichzeitig stehen insbesondere die kleineren Weiler vor neuen Herausforderungen. Landwirtschaftliche Veränderungen und die Konzentration der Bevölkerung im Dorfzentrum führen dazu, dass traditionelle Bauernhäuser teilweise leer stehen, während an den Siedlungsrändern neue Wohnbauten entstehen. Die Erhaltung und zeitgemässe Nutzung der historischen Bausubstanz wird deshalb eine wichtige Aufgabe der kommenden Jahre sein.

Disentis/Mustér ist heute touristisches, wirtschaftliches, schulisches und kulturelles Zentrum der oberen Surselva. Seine Geschichte reicht von bronzezeitlichen Siedlungsspuren über das mittelalterliche Kloster und die Cadi bis zum modernen Tourismusort. Dabei ist die Verbindung zwischen Kloster, Pässen, Sprache und Landschaft über mehr als ein Jahrtausend hinweg der rote Faden der Geschichte von Disentis/Mustér.