Bericht über die eingehende Untersuchung des natürlichen radioaktiven Mineralwassers

der St. Placidusquelle im Val S. Placi oberhalb Disentis (Mustér) Kanton Graubünden

Probenerhebung: 8. Mai 1973

I. Lage der Quelle und Allgemeines

Die radioaktive St. Placidusquelle oberhalb Disentis entspringt im Val Sogn Placi, einem nördlichen Seitental des Vorderrheins, welches sich etwa 1 km talabwärts vom Dorfzentrum von Disentis (Mustér) ins Rheintal öffnet. Die Quelle liegt auf der linken Talseite des Val S. Placi und ist durch eine 1200 m lange Kunststoff-(Symalit)-Leitung mit dem Hotel Disentiserhof verbunden, in welchem sich die Räderanlagen befinden. Koordinaten der Quelle: 703 600/174 300, Landeskarte der Schweiz 1 : 25’000, Blatt 1215, Trun. Höhe über Meer: 1364 m. Ertrag 1945 – 48: 34 – 37 l/min., nach der Neufassung noch etwas mehr. Die Quelle wurde 1951/52 neu direkt im Felsen in einem 7 in langen Einschnitt gefasst und sorgfältig durch Beton und Lehm nach oben abgedichtet. Der Quellschacht befindet sich an der Grenze zwischen Fels und Bachschutt des Val S. Placi. Nach E. Nignli (1945) stammt das Wasser aus Klüften der südlichsten Randzone des Aarmassivs. Neben Graniten finden sich hornfelsartige Paragneise und Aurmalinhaltige Pegmatite (Fluorgehalt!). Vielfach tritt im stark zerklüfteten Gestein pyritische Vererzung auf (Eisengehalt!). Die Herkunft aus dem Altkristallin des Aarmassivs erklärt den Gehalt des Wassers an Radon (Radium-Emanation), welcher mit rund 50 Mache-Einheiten die höchste Aktivität eines Mineralwassers der Schweiz aufweist.

II. Aufstellung der Analysenwerte des natürlichen Mineralwassers

von Disentis, erhoben am 8. Mai 1973

I . Kationen


mg/lmValmVal %
AmmoniumNH4+<0,005
LithiumLi+0,05
NatriumNa+5,90,268,2
KaliumK+2,30,061,9
MagnesiumMg2+9,50,7824,5
CalciumCa2+39,11,9561,0
StrontiumSr2+<0,1
ManganMn2+0,970,041,3
E isenFe2+2,80,103,1
KupferCu2+0,002
ZinkZn2+0,008
BleiPb2+<0,001
AluminiumAl3+0,06
Summe (1)
60,643,19100,0

II. Anionen

FluoridF0,950,051,6
ChloridCl3,30,092,8
BromidBr0,018
JodidJ0,025
NitratNO30,12
HydrogenkarbonatHCO32-22,00,3611,4
SulfatSO42-1282,6684,2
HydrogenphosphatHPO42-0,08
HydrogenarsenatHASSO42-0,0004
MolybdänMo0,00029
VanadiumV<0,0005
Summe (2)
154,453,16100,0

3. Undissoziierte Bestandteile

MetakieselsäureH2SiO353 mg/l
OrthoborsäureH3BO30,069 mg/l
(alsHBO2
0,048 mg/l
(alsB
0,012 mg/l
Summe (3)

53,069 mg/l

4. Summe der gelösten festen Bestandteile

Summe 1 Kationen60.64 mg/l
Summe 2 Anionen154.45 mg/l
Summe 3 undiss. Bestandteile53.07 mg/l

268.16 mg/l

rund 268 mg/l

5. Trockenrückstand

a) Berechnet unter Berücksichtigung des Ueberganges des Hydrogenkarbonates in Karbonat

2 HCO3CO3257 mg/l
b) Bestimmt nach Trocknen bei 170°
254 mg/l

6. Angabe der Resultate in französischen Härtegraden und in Millival


° frz. H.Millival
Gesamthärte (Mg2+ + Ca2+)13,72,73
Magnesiumhärte (Mg2+)3,90,78
Calciumhärte (CA2+)9,81,95
temp. Härte oder Karbonathärte (Alkalität) (HCO3-)1,00,36
Bleibende Härte11,92,37

7. Acidität oder Laugenverbrauch

Berechnet als CO2 31 mg/l

8. Gelöste Gase

Sauerstoff O20 mg/l
Schwefelwasserstoff H2S kein Geruch0 mg/l
Kohlendioxid CO231 mg/l
Kalkaggressives CO228 mg/l

9. Physikalische Daten

Wassertemperatur (Lufttemperatur 4°)7.1°  C
Dichte des Wassers (20/20°)1,00031
Leitfähigkeit in Mikrosiemens / cm bei 20°320
Wasserstoffionenkonzentration, Reaktion, pH6,20

10. Weitere Bestimmungen

Radioaktivität (bestimmt durch Dr. J. Halter,
Freiburg) in Mache-Einheiten/lt53
in Nanocurie (nCi) pro Liter19

11. Sinnenprüfung

Aussehen:klar, bei längerem Stehen scheiden sich Eisenflocken ab
Geruch:nichts Auffälliges
Geschmack:typisch nach Eisen

12. Klassifikation

a) AllgemeinRadioaktives Wasser, Calcium und Magnesiumsulfat enthaltend, mit deutlich erhöhtem Fluor-, Eisen- und Mangangehalt.
b) nach eidg. Lebensmittelverordnungvom 26. 5. 1936, Fassung vom 31. 12. 71 Art. 264, Buchstabe u: Radioaktives Wasser
Beurteilung nach Gesamthärte: weich 

1. In der schweizerischen Lebensmittel-Gesetzgebung sind für die Beurteilung von Mineralwasser in erster Linie die Artikel 263, 264 und 270 der eidg. Lebensmittelverordnung (LMVO) massgebend, doch sind ähnliche Grundsätze heute auch international anerkannt.

Kurz zusammengefasst sind die Kriterien folgende:

a) Das Mineralwasser muss in seinen chemischen oder physikalischen Eigenschaften deutlich von gewöhnlichem Trinkwasser verschieden sein (Art. 263).

b) Es darf in seinem Gehalt und in seiner Temperatur keinen wesentlichen Schwankungen unterliegen (Art. 263, hydrologische Eigenschaften).

c) In hygienisch-bakteriologischer Hinsicht hat es den Trinkwasser gestellten Reinheitsanforderungen sinngemäss zu genügen (Art. 270).

d) Inbezug auf die Bezeichnung gelten die Vorschriften von Art. 264 der LMUO.

2. Das Wasser der S. Placidusquelle von Disentis ist wie folgt zu beurteilen:

a) Verschiedenheit gegenüber „gewöhnlichem“ Trinkwasser 

Vor 1908, der Entdeckung der Radioaktivität der St. Placidus- quelle durch Prof. Schweitzer, hätte das Wasser keinem der heute geltenden Grenzwerte für ein Mineralwasser voll genügt. Trotzdem fiel schon damals die Quelle durch die Rotfärbung des Quellaustritts infolge des Eisengehalts und die Konstanz des Ergusses auf. Als Bezeichnung wäre damals „Akratopege“ (einfache kalte Quelle mit besonderer physiologischer Wirksamkeit) in Frage gekommen. Mit dem Nachweis der Radioaktivität, der höchsten in der Schweiz festgestellten, war kein Zweifel mehr am besonderen Charakter des Wassers möglich: in den physikalischen Eigenschaften lag ein gegenüber gewöhnlichem Trinkwasser eindeutig abweichendes Wasser vor, das auf Grund von Art. 264 u der LMVO als stark radiokatives, natürliches Mineralwasser zu bezeichnen ist (s. weiter unter 3, Mineralisation). 

b) In den seit vielen Jahren vorgenommenen Untersuchungen hat sich dieses Wasser als überaus konstant erwiesen. Es sei insbesondere wieder die Radioaktivität genannt: seit 1908 und bis 1973 wurden praktisch stets die gleichen Werte zwischen 43 und 53 Mache-Einheiten gefunden. Die Temperatur bewegte sich zwischen 7,1 und 8,0°; etwa 2° höher, als dies der mittleren Jahrestemperatur der Höhenlage entsprechen würde (Atlas der Schweiz, Eidg. Landestopographie 1965). Verglichen mit der ersten eingehenden chemischen Untersuchung der Quelle (Gübeli 1954) sind die Unterschiede ebenfalls gering.

Bestandteile in mg/lGübeli(1954)Högl-Senften (1973)
Natrium7,45,9
Calcium44,239,1
E isen2,52,8
Hydrogencarbonat23,322,0
Sulfat132,1128,0
Summe gelöster fester Stoff262,3268,2

Auch die zweite Bedingung, dass ein natürliches Mineralwasser keinen erheblichen Schwankungen in seinem Gehalt und in der Temperatur zu unterliegen habe, ist demnach erfüllt.

c) In hygienisch-bakteriologischer Hinsicht ist die Beschaffenheit an der Quelle, soweit uns hierüber Berichte vorlagen, als sehr gut zu bezeichnen. Seit der Neufassung und Weiterleitung in kunststoffrohren dürfte die Qualität auch im Badebetrieb (Hotel) gut sein.

d) Unter „Klassifikation“ wurde über die Bezeichnung bereits gesprochen. 

3. Die Mineralisation

a) In chemischer Hinsicht

Wie schon oben ermähnt, ist das Wasser der St. Placidusquelle als „weich“ anzusprechen. Die Summe gelöster fester Stoffe ist, insbesondere für ein Mineralwasser, als sehr niedrig zu bezeichnen. Den sog. „Mengenelementen“, Natrium, Calcium, Magnesium, Carbonat, Sulfat, kommt damit wohl auch physiologisch keine grosse Bedeutung zu. Die Mineralisation ist charakteristisch für ein Wasser aus wenig löslichen Urgesteinsschichten.

Anders sind die in geringer Menge vorliegenden sog. „Spurenelemente“ zu beurteilen. Zu erwähnen wäre hier jedoch der recht hohe Gehalt an Kieselsäure, H2SiO3: 53 mg/l.

Eisen liegt in einer Menge vor, die zwar eine Klassifikation als „Eisenwasser“ nicht zulässt (2,8 statt mindestens 5 mg/l), wobei jedoch eine physiologische Wirkung dennoch in Frage kommt. Auch Mangan ist relativ reichlich vertreten. Eisen und Mangan sind beide als lebenswichtige Elemente bekannt. Der Gehalt lässt sich von der geologisch festgestellten Vererzung der wasserführenden Gesteine durch Pyrit erklären. Fluorid liegt in einer Menge von 0,95 mg/l vor, das heisst gerade an der Grenze eines Fluorwassers (1 mg/l), welches bekanntlich in dieser Menge im künstlich fluorierten Trinkwasser zur Hemmung der Zahnkaries beigegeben wird. Der Fluorgehalt ist ebenfalls geologisch erklärlich, indem der Turmalin der dort festgestellten Pegmatite (s. Teil I) Fluor enthält. Auch das Jodid ist gegenüber Trinkwasser deutlich erhöht und könnte zur Kropfprophylaxe als Trinkquelle dienlich sein.

Das Mineralwasser von Disentis ist also auch inbezug auf physiologische Wirksamkeit deutlich von gewöhnlichem Trinkwasser verschieden.

b) In physikalischer Hinsicht

liegt ein in der Schweiz einzigartiger Fall vor, indem diese Quelle einen beträchtlichen radonqehalt (Radium-Emanation) aufweist. Die Radioaktivität wurde auch neuestens (1973) durch Herrn Dr. Halter, eidg. Kommission zur Ueberwachung der Radioaktivität, Fribourg, bestimmt und ergab einen Wert von 53 + 6 Mache-Einheiten oder 19 + 2 Nanocurie (nCi) pro Liter.

Die St. Placidusquelle bleibt damit die am stärksten radioaktive Quelle der Schweiz .

Die Herkunft von Radon, einem Zerfallsprodukt des Radiums, ist auf den relativ hohen Radiumgehalt des dortigen Granites zurückzufuhren, ca. 10·10-12 gr/g Gestein

normaler Granit: 3·10-12 gr/g Gestein (E. Niggli 1945).

In seinem geologischen Bericht hat E. Niggli (1945) in der Umgebung des Val S. Placi zahlreiche Quellen auf Radioaktivität prüfen lassen. (Val Lumpegna, Compadials und andere Quellen im Val S. Placi).

Keine einzige zeigte eine Aktivität ähnlich der St. Placidusquelle. Einige Quellen weisen Aktivitäten von 20 – 28 Mache-Einheiten auf, während Schuttquellen und solche zu Wasserversorgungen zwischen 1 und 6 Mache-Einheiten zeigten .

Radon (Radium-Emanation) ist gasförmig, sodass es nur in einer Leitung im Quellwasser bleiben kann, wenn es sich nicht mit Luft mischt. Die zahlreich ausgeführten Bestimmungen der Radioaktivität an der Quelle zeigten folgende Werte:

Schweizer:190846.7 Mache-Einheiten

190948.4 Mache-Einheiten

191150.1 Mache-Einheiten
Radiogen AG, Zürich191347.8 Mache-Einheiten
Kant. Chem., (Högl) Chur193847,5 Mache-Einheiten
Kant. Chem., (Hämmerli) Chur194344,0 Mache-Einheiten

194552,4 Mache-Einheiten
Eidg. Komm. z. Ueberw. der Radioaktivität Fribourg, (0r. Halter)197353 ± 6 Mache-Einheiten

Die Einschätzung der Bedeutung einer Radioaktivität dieser Art und Grössenordnung für therapeutische Zwecke in Mineralwasser ist Sache des Arztes.

4. In hygienisch-mikrobiologischer Hinsicht

ergaben alle Untersuchungen, die uns bekannt sind (seit 1952 – 1973) sehr niedrige Keimzahlen und Abwesenheit von Coli und Enterococcen. Der Nitratgehalt ist mit 0,12 mg/l sehr gering. Es liegt auch keine Verunreinigung durch Schwermetalle (Kupfer, Zink, Blei) vor.

5. Kontrolle der Arbeit

Wie üblich, wurden alle wichtigen Werte mehrfach und nach verschiedenen Methoden bestimmt und so kontrolliert. Einen guten Einblick in die Richtigkeit der Bestimmung der Mengenelemente gibt die Summe der Millival-Werte der Kationen und Anionen, die theoretisch gleich sein sollte. Bei der vorliegenden Untersuchung ergab sich

Summe der Kationen in Millival 3,19

Summe der Anionen in Millival 3,16 was gut ist. 

Eine ähnliche Summenkontrolle ergibt sich bei der Bestimmung und der Berechnung des Trockenrückstandes.

Trockenrückstand direkt bei 170° bestimmt264 mg/l
Trockenrückstand aus Addition der 26 Einzelbestimmungen berechnet, unter Korrektur der Veränderungen durch das Erhitzen257 mg/l

Auch hier ist die Uebereinstimmung gut.

Zusammenfassend ergibt es sich, dass die St. Placidusquelle von Disentis ein weiches, dem wasserführenden Gestein entsprechendes Wasser liefert. Die Besonderheit des Wassers liegt im Gehalt an Radongas (Radium-Emanation). Es ist bis heute die stärkste radioaktive Mineralquelle der Schweiz. In hygienischer Hinsicht ergeben sich keinerlei Anhaltspunkte für eine Kontamination des Wassers.

5.2.1974 Prof. Dr. O. Högl Dr. H. Sanften